Der Aufstieg der Retro-Handhelds – wie kleine Firmen aus China Nintendo das Fürchten lehren
Wie Miyoo, Anbernic, Retroid und AYN eine Lücke gefüllt haben, die Nintendo hinterlassen hat. Eine Reise vom Game Boy bis zu den besten Retro-Handhelds 2026.
1989: Ein graues Plastikgerät verändert die Welt
Wir schreiben das Jahr 1989.
Ein japanisches Unternehmen namens Nintendo bringt ein kleines, graues, unscheinbares Plastikgerät auf den Markt. Ein Display ohne Beleuchtung. Batterien, die nach wenigen Stunden schlapp machen. Und eine Rechenleistung, die selbst für damalige Verhältnisse – nun ja, sagen wir: überschaubar war.
Und trotzdem: über 100 Millionen verkaufte Einheiten weltweit.
Der Game Boy war nicht erfolgreich, weil er technisch überlegen war. Er war erfolgreich, weil er etwas konnte, das kein anderes Gerät wirklich geschafft hat: Er war einfach immer dabei.
In der Schulpause. Im Urlaub. Auf dem Rücksitz beim Familienausflug.
Der Game Boy machte Gaming zum ersten Mal wirklich mobil. Nicht als Kompromiss – sondern als Erlebnis.
Was folgte, war eine der beeindruckendsten Erfolgsgeschichten der Unterhaltungsindustrie: Game Boy Color. Game Boy Advance. Und der ikonische Game Boy Advance SP – mit Klapp-Design und erstmals beleuchtetem Display. Dann der Nintendo DS – zwei Bildschirme, Touchsteuerung, ein komplett neues Spielgefühl. Und schließlich der Nintendo 3DS, der 3D ohne Brille möglich machte.
Über zwei Jahrzehnte hinweg hatte Nintendo das Handheld-Gaming fest im Griff. Nicht, weil es keine Konkurrenz gab. Sony hat es mit der PlayStation Portable und der PlayStation Vita ernsthaft versucht. Aber Nintendo hatte etwas, das sich nicht kopieren ließ:
Eine Bibliothek voller Welten, mit denen ganze Generationen aufgewachsen sind.
Mario. Link. Pikachu. Das sind keine Marken. Das sind Erinnerungen.
Der Moment, den man nie vergisst
Ich erinnere mich noch genau, wie ich als Kind meinen ersten Game Boy Advance SP in den Händen gehalten habe. Dieses Klapp-Geräusch. Das Aufleuchten des Displays. Golden Sun einlegen – und einfach verschwinden. Stundenlang.
Und ich glaube, genau das ist der Grund, warum mich dieses Thema bis heute nicht loslässt:
Es geht nicht nur um Hardware. Nicht nur um Specs. Es geht um dieses Gefühl.
Die Lücke, die Nintendo hinterließ
Und dann passierte etwas, das so kaum jemand kommen sah: Nintendo zog sich – leise, aber konsequent – aus dem klassischen Handheld-Budget-Segment zurück.
Der 3DS wurde 2020 eingestellt. Ein direkter Nachfolger? Kam nie. Die Nintendo Switch war die Antwort – und eine brillante noch dazu. Aber eben auch eine andere. Größer. Teurer. Mehr Wohnzimmer als Hosentasche.
Die Lücke, die der 3DS hinterlassen hat – kompakt, bezahlbar, immer dabei – hat Nintendo nie wieder geschlossen.
Und genau in diese Lücke sind andere gestoßen.
Spulen wir vor ins Jahr 2024. Ein Handheld liegt in der Hand, kleiner als ein Smartphone. Unter 50 Euro. Stark genug für Game Boy, SNES, PlayStation – sogar N64. Nicht von Nintendo. Nicht von Sony. Sondern von einer Firma aus Shenzhen, von der die meisten noch nie gehört haben.
Das ist längst kein Einzelfall mehr.
Anbernic. Miyoo. Retroid. AYN.
Namen, die vor wenigen Jahren außerhalb von Nerd-Foren kaum jemand kannte. Und die heute eine Community bedienen, die immer weiter wächst. Eine Community, die nie aufgehört hat, Retro-Games zu lieben. Die nur aufgehört hat, darauf zu warten, dass Nintendo sie bedient.
Wie konnten kleine Firmen aus China das schaffen?
Die Antwort ist weniger überraschend als sie zunächst klingt – und sie hat mehrere Schichten.
1. Die Hardware wurde erschwinglich
Was früher echte Ingenieurskunst erforderte, ist heute Commodity-Hardware. Die ARM-Chips, die in den meisten Retro-Handhelds stecken, kommen aus denselben chinesischen Lieferketten, die Smartphones, Tablets und Smart-TVs weltweit versorgen. Der Allwinner H700, das Herz vieler Budget-Handhelds, kostet in Massenproduktion fast nichts – und ist trotzdem gut genug, um alles bis zur PlayStation 1 flüssig zu emulieren.
Hochwertige IPS-Displays? Günstig. USB-C? Standard. Lithium-Akkus? Massenware.
Die Materialkosten für einen guten Retro-Handheld sind auf ein Niveau gefallen, bei dem eine kleine Firma mit klugem Design ein Gerät für 50 Euro anbieten kann, das vor zehn Jahren Hunderte gekostet hätte.
2. Die Emulation wurde ausgereift
Der zweite Faktor ist Software. Emulatoren wie RetroArch, PCSX-ReARMed, mGBA und viele andere sind in Jahren offener Community-Entwicklung auf ein Niveau gereift, das kommerzielle Produkte beschämen würde. Sie sind kostenlos, hochoptimiert und laufen auf schwacher Hardware erstaunlich gut.
Dazu kommen Community-Betriebssysteme wie Onion OS für Miyoo-Geräte oder muOS und Knulli für Anbernic-Handhelds – maßgeschneiderte Firmware-Lösungen, die das Werkssystem der Hersteller in vielen Punkten weit übertreffen. Die Szene entwickelt, testet und verbessert diese Systeme kontinuierlich – gratis, aus Leidenschaft.
3. Die Zielgruppe ist gewachsen
Die Kinder, die in den 90ern Game Boys in der Hand hielten, sind heute erwachsen. Sie haben Einkommen. Und sie tragen Nostalgie mit sich, die kein Streaming-Service und kein modernes AAA-Spiel vollständig stillen kann.
Dazu kommt eine jüngere Generation, die über YouTube, TikTok und Reddit entdeckt, was sie verpasst hat. Retro-Gaming hat sich in den letzten Jahren von einer Nische zu einer echten Bewegung entwickelt – und die chinesischen Hersteller haben genau zur richtigen Zeit das genau richtige Angebot gemacht.
4. Nintendo hat es ihnen leicht gemacht
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt. Nintendo hat die Lücke, die mit dem Ende des 3DS entstand, nie ernsthaft gefüllt. Keine Budget-Handhelds. Keine offizielle Rückwärtskompatibilität mit dem riesigen DS/3DS-Katalog auf der Switch. Und der offizielle Switch Online-Service – so praktisch er ist – kratzt nur an der Oberfläche der klassischen Bibliothek.
Wer Pokémon FireRed, Fire Emblem: The Sacred Stones oder Golden Sun im Jahr 2025 spielen möchte, hat bei Nintendo keine offizielle Antwort. Bei Anbernic schon.
Die wichtigsten Retro-Handhelds der Szene – ein Überblick
Was einst eine handvoll obskurer Geräte war, ist heute ein lebendiger Markt mit klaren Segmenten. Hier sind die wichtigsten Handhelds, die die Szene aktuell prägen – sortiert von günstig bis leistungsstark.
🎮 Miyoo Mini V4 – Der Einstieg, der alles verändert
Preis: ca. 35–50 € | Ideal für: Game Boy, GBA, SNES, PS1
Der Miyoo Mini ist für viele der erste Kontakt mit der Retro-Handheld-Szene – und das aus gutem Grund. Kaum größer als ein Gameboy Pocket, 2,8-Zoll-IPS-Display, vollständig kompatibel mit Onion OS und preiswert genug, um spontan zu kaufen. Wer einmal einen in der Hand hatte, versteht sofort, warum dieser winzige Handheld eine ganze Bewegung mitausgelöst hat.
Mit Onion OS verwandelt sich der Miyoo Mini in ein durchdachtes Pick-up-and-play-Gerät mit über 100 vorinstallierten Emulatoren, Auto-Save, pixelperfektem Scaling und einer aktiven Community, die kontinuierlich Updates liefert.
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🎮 Miyoo Mini Flip – Das beste Klapp-Gerät unter 70 €
Preis: ca. 55–70 € | Ideal für: Game Boy, GBA, SNES, PS1 – im Clamshell-Format
Der spirituelle Nachfolger des Miyoo Mini – diesmal im Klapp-Design à la GBA SP. Gleiche Hardware-DNA wie der Mini V4, jetzt mit schützendem Clamshell-Gehäuse, verbessertem Scharnier und vollem Onion-OS-Support. Das perfekte EDC-Gerät für alle, die maximalen Displayschutz und das nostalgische Klapp-Gefühl suchen.
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🎮 Anbernic RG34XX SP – Der legitime GBA-SP-Nachfolger
Preis: ca. 60–70 € | Ideal für: GBA, SNES, PS1, Dreamcast
Anbernic ist neben Miyoo der zweite große Name in der Budget-Handheld-Szene – und mit dem RG34XX SP ist ihnen 2025 ein echter Treffer gelungen. Das Clamshell-Design ist bewusst am GBA SP orientiert: nahezu identische Maße, ähnliches Gewicht (178 g), stabiles Magnetscharniert mit Auto-Sleep-Funktion.
Das 3,4-Zoll-IPS-Display mit 720 × 480 Auflösung und OCA-Lamination sieht für GBA-Spiele schlicht fantastisch aus. Mit WiFi 5, Bluetooth, HDMI-Ausgang und dem bewährten Allwinner-H700-Chip ist der RG34XX SP eines der rundesten Budget-Geräte auf dem Markt.
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🎮 AYN Thor – Das Dual-OLED-Kraftpaket aus der Mittelklasse
Preis: ab ca. 299 $ | Ideal für: DS/3DS-Emulation, Switch, PS2/PS3, Steam via GameHub
Der AYN Thor ist das Clamshell-Gerät für anspruchsvolle Nutzer. Zwei AMOLED-Displays (6 Zoll + 3,92 Zoll), Snapdragon 8 Gen 2, aktive Kühlung, Hall-Effect-Sticks und das Besondere: Über die App GameHub lassen sich echte Steam-Spiele direkt aus der eigenen Bibliothek spielen – ohne Cloud, ohne Windows.
🎮 Retroid Pocket 6 – Der Android-König der Mittelklasse
Preis: ab ca. 209 $ | Ideal für: PS2, GameCube, Switch, Android-Gaming, Cloud-Streaming
Retroid ist die dritte große Marke neben Miyoo und Anbernic – und der Retroid Pocket 6 (Oktober 2025) ist ihr bisher bestes Gerät. 5,5-Zoll-AMOLED-Display mit 1080p und 120 Hz, Snapdragon 8 Gen 2, 6.000-mAh-Akku, WiFi 7 und Hall-Effect-Sticks. Als Android-Gerät läuft er nativ mit dem Play Store, RetroArch, GameHub und Cloud-Streaming-Diensten wie Xbox Game Pass.
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🎮 AYN Odin 3 – Das Flaggschiff der Android-Handhelds
Preis: ab ca. 200 $ (je nach Modell) | Ideal für: Switch, PS3, Android-Gaming
AYN ist nicht nur mit dem Thor vertreten. Die Odin-Linie ist das bewährte Flaggschiff der Marke – horizontal statt Clamshell, mit breitem Griff-Design für maximalen Spielkomfort. Mit dem Odin 3 und einem aktuellen High-End-Snapdragon-Chip ist es der derzeit leistungsstärkste Android-Handheld im Segment unterhalb von PC-Handhelds.
🎮 Anbernic RG556 / RG557 – Für Power-User mit Android
Preis: ca. 150–220 $ | Ideal für: PS2, Switch, Android-Gaming
Anbernic bietet neben Budget-Geräten auch leistungsstarke Android-Handhelds an. Der RG557 ist mit dem Snapdragon T618 einer der stärksten Einträge in der Mittelklasse – und typisch für Anbernic mit ausgezeichnetem Preis-Leistungs-Verhältnis.
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Was Nintendo antworten könnte – und warum es trotzdem zu spät sein könnte
Die Nintendo Switch 2 ist seit März 2025 offiziell und seit Juni 2025 auf dem Markt. Sie ist eine starke Konsole – keine Frage. Aber sie ist nicht die Antwort auf den 3DS. Sie kostet fast 470 Euro, Spiele gehen für 80 Euro über den Ladentisch, und das Budget-Segment unterhalb von 100 Euro? Weiterhin unbeantwortet.
Das ist die strukturelle Schwäche von Nintendo in dieser Diskussion. Nicht, dass die Switch 2 schlecht wäre. Sondern dass sie eine andere Frage beantwortet als die, die die Retro-Handheld-Community stellt.
Die Community fragt: Wo kann ich Pokémon Crystal auf einem modernen Gerät spielen, das in meine Hosentasche passt und unter 50 Euro kostet?
Nintendo sagt: Kauft eine Switch 2 für 470 Euro und spielt, was wir im Store anbieten.
Anbernic sagt: Hier, 60 Euro.
Die Zukunft: Wohin geht diese Bewegung?
Die Retro-Handheld-Szene ist kein Trend. Sie ist eine Bewegung – und sie wächst.
Was als Nische für emulationsversessene Tüftler begann, hat sich zu einem echten Markt entwickelt. Handhelds werden Jahr für Jahr besser, günstiger und zugänglicher. Die Community, die dahinter steht, ist aktiv, hilfsbereit und leidenschaftlich.
Und die Hersteller lernen schnell. Anbernic veröffentlicht mehrere Geräte pro Jahr. Miyoo reagiert auf Community-Feedback. Retroid hörte auf den Aufschrei nach einem Controller-Redesign beim Pocket 6 – und passte das Gerät vor dem Launch noch an. Das sind keine trägen Konzerne. Das sind agile Teams, die schnell reagieren.
Nintendo hat in dieser Hinsicht einen entscheidenden Nachteil: Geschwindigkeit und Preispolitik. Was ein kleines Team aus Shenzhen in einem Quartal auf den Markt bringt, braucht bei Nintendo Jahre an Planung, Zertifizierung und Marketing.
Die Lücke, die Nintendo gelassen hat, wird diese Firmen noch lange beschäftigen.
Und solange das so ist, werden Miyoo, Anbernic, Retroid und AYN weiter an jenen Erlebnissen basteln, die Nintendo einmal erfunden hat – und die heute in einer Community weiterleben, die nie aufgehört hat, sie zu lieben.
Fazit: David gegen Goliath – und David gewinnt
Es ist keine Geschichte von schlechten Kopien und billigen Klonen. Es ist eine Geschichte davon, wie eine leidenschaftliche Community, ausgereifte Open-Source-Technologie und agile Hersteller aus China gemeinsam eine Lücke gefüllt haben, die einer der mächtigsten Gaming-Konzerne der Welt einfach hat klaffen lassen.
Nintendo hat das Handheld-Gaming erfunden. Aber sie haben es nicht im Monopol gehalten – und das war ihre eigene Entscheidung.
Wer heute einen Miyoo Mini in der Hand hält oder auf einem Retroid Pocket 6 Final Fantasy IX spielt, lebt nicht in Nintendos Schatten. Er lebt in einer Community, die genug Liebe für Retro-Gaming hat, um es selbst weiterzutragen.
Und das ist eigentlich das schönste Zeichen dafür, wie stark dieses Erbe ist.
Häufige Fragen zur Retro-Handheld-Szene (FAQ)
Sind Retro-Handhelds aus China legal?
Die Geräte selbst sind vollkommen legal. Emulation bewegt sich rechtlich in einer Grauzone: Das Spielen von ROMs für Spiele, die man selbst besitzt, ist in vielen Ländern toleriert – das Herunterladen von ROMs für Spiele, die man nicht besitzt, ist es nicht. Die Community-Perspektive ist klar: Diese Geräte dienen dazu, eigene Sammlungen zu bewahren und klassische Spiele zugänglich zu machen.
Was ist der Unterschied zwischen Android- und Linux-Handhelds?
Android-Handhelds (wie der Retroid Pocket 6 oder AYN Thor) laufen mit dem Play Store, unterstützen Apps und bieten mehr Flexibilität. Linux-Handhelds (wie Miyoo Mini oder Anbernic RG34XX SP) sind spezialisierter, schneller einzurichten und bieten oft bessere Emulations-Performance auf schwacher Hardware.
Welcher Retro-Handheld eignet sich am besten für Einsteiger?
Der Miyoo Mini V4 mit vorinstalliertem Onion OS ist die mit Abstand beste Empfehlung für Einsteiger. Günstiger Einstiegspreis, sofort spielbereit, riesige Community-Unterstützung.
Können diese Handhelds Nintendo Switch-Spiele spielen?
Ja – neuere Geräte mit Snapdragon 8 Gen 2 (AYN Thor, Retroid Pocket 6) können viele Switch-Titel emulieren. Die Emulation ist noch nicht perfekt für alle Spiele, verbessert sich aber konstant.
Wo kauft man Retro-Handhelds am sichersten?
Direkt über die Herstellerseiten (Anbernic, Retroid, AYN) oder über spezialisierte Händler wie KeepRetro oder LITNXT. AliExpress ist ebenfalls eine gängige Option, wobei längere Lieferzeiten einzuplanen sind.
Beitrag von Gadget-Kompass | Stand April 2026. Preisangaben sind Richtwerte in USD/EUR. Änderungen vorbehalten. Alle verlinkten Produkte sind keine bezahlten Empfehlungen.

Kev
Ich beschäftige mich seit über 10 Jahren mit Technik, Gadgets und allem, was sich im Retro-Bereich tut. Handhelds, ausgefallene Gadgets und Kram aus meiner Vergangenheit – genau das treibt mich an. Neben Gadget Kompass betreibe ich den YouTube-Kanal Kevs Techupdate, wo ich all das auch im Video-Format aufbereite.



